Samstag, 27. Dezember 2025

Kiborts Basalnihilismus (1672-1699)

 

 

 

Ein Xice nach Lawrie ist eine Abfolge von Illumination, Concordation, Discordation und Devastation. Crouse Lawrie übertrug diese Abfolge zeitweise auf das Lhinn, aber scheiterte. Ingret stellte den fundamentalen Unterschied zwischen einer saisonalen und einer entropischen Zeitenfolge heraus, und zeigte für die Anfangszeit der Finisterre, dass das erste Xice von 1556 bis 1652, und das erste Lhinn bis 1556 bis 1672 gedauert hatte. Für ein Lhinn gilt das folgende Ablaufmodell: Inititaion (Kraftakt), Expansion, Konsolidation, Desintegration, Exhaustation.


Das erste Xice nach Lawrie (1556/1575/1589/1614) und das erste Lhinn nach Ingret starteten zuselbst, es war eine psychopolitische Initialzündung. Nach Coorders Kraftakt wurde in der expansiven Phase eine komplexe staatliche Struktur errichtet, deren Konsolidierung an der inneren Überdehnung scheiterte. Die Desintegrationsphase fällt mit dem Krieg 1614-1646 zusammen, dann kommt die Erschöpfungsphase, in die der Anfang des zweiten Xice fällt: 1652.


Die kognitive Dissonanz der Zeitgenossen ist zu erahnen: Bergauf mit leerem Tank. Die entsystematisierte philosophische Tradition der vierten Phase nach Kinrol hatte einen Knoten vor sich, der auch Schwerthieben standhalten konnte. Es hätte auch „Neubeginn und Scheitern: 1652-1664“ heißen können, wie es 1670 bei van Vernichten hieß, diesmal in der Rolle eines seriösen Staatstheoretikers. Aber die späten 1660-er zeichneten sich durch rätselhaft gehobene Stimmung aus! Van Vernichten gab das Schlechtreden der Zeit nicht auf, aber stellte fest, dass das Anwintern gegen blühende Bäume vergeblich war. Am 16.7.1672 wurde der energiegeladene Technokrat John Kibort als Regierungschef begrüßt. Es war kein Verwalten der Ohnmacht mehr: Es war ein potentialgeladenes Neunull.


Die Dissonanz legte sich, denn im 21-sten Jahr des zweiten, negativen Xice begann das zweite, introvertierte Lhinn. Was von 1672 bis 1678 an basaler Wirtschaftsleistung erbracht wurde, ist seitdem legendär. Der Crash von 1679 und die lange Krise der 1680-er resultierten aus objektiven Beschränkungen, nicht aus subjektiven Fehlern. Doch übernahm Kibort Intschviethels Strategie methodischer Selbstanklage, und zeichnete sich als ein exzellenter Meister des Möglichen aus.


Ein Meister des Unmöglichen war Kibort nicht. Ab 1684 verschärfte sich die Lage jährlich. Am 10.5.1687 machte Kibort Platz für eine Notstandsregierung unter Anakin Levitt, einem ultralibertären Staatskritiker. Bis 1690 lebte die ganze Finisterre im Quitongo-Modus. Das senkte Erwartungen, entspannte Hoffnungen und setzte Kräfte frei. 


Ökonomisch wurde die expansive Phase des zweiten Lhinn von Levitt, militärisch von John Deader begleitet: auf den Boom 1691-1693 folgte das turbulente Jahr 1694, in den sich außenpolitische Spannungen abzeichneten. Deader übernahm die Macht im September 1694, und wartete zunächst ab, wie sich die äußeren Mächte positionierten. Nach langem Anlauf kam 1695 erneut ein Boom, dann ein Enddezembercrash. Anfang Januar 1696 versicherte Deader, die ökonomischen Erfolge unter Levitt notfalls mit Gewaltanwendung zu sichern.


So selbstverständlich die Zurückhaltung der politischen Eliten nach 1646 war, so obvious war, was John Deader im Frühsommer 1696 tat: er entgegnete äußerer Einmischung mit militärischer Gewalt; der Bürgerkrieg auf dem Land dauerte bis 1699, die Souveränität wurde wiederhergestellt. In Lxiour und auf den Tafelbergen wuchs wieder die Bevölkerungszahl. Die Grundbasis, die von Kibort gebaut wurde, hielt diversen Stresstests stand, und ein der Lhinn-Expansionsphase mindestens angemessen starker Führer baute darauf auf.



Erstes Lhinn der Finisterre:

1556. Initiation (Kraftakt)

157o.  Expansion

1591. Konsolidation

1613. Desintegration (das "Umkippen" nach J. J. J. Moncur)

1646. Exhaustation

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Negativität (1652-1696)

 

 

 

Keria ist seit 1352 wie ein Schneeball, hegemoniert um 1395 lokal, um 1460 regional, um 1580 kontinental, zieht sich aber isolationistisch schon ab 1602 zurück. Die Venger pulsieren in immer größeren Reichshochs, beherrschen den Westen nach dem Krieg von 1599-1602, und kämpfen ab 1630 defensiv an allen Fronten. Die Enthaptung Melchiots am 4.10.1664 ist der künstlerisch besonders oft festgehaltene Moment ihres Reichsuntergangs. Das 17. Jahrhundert markiert den Aufstieg neuzeitlicher profaner Reiche im Westen.


Die Finisterre ist seit 1646 oder schon früher geteilt in Land und Hochland. Das Land ist Quasikolonie, das Hochland militärisch unbesiegbar, aber politisch bedeutungslos. 1652 wird die Teilung zur Grundlage der Verfassung. 1661-1664 erlebt das Land eine nihilistische Kulturrevolution, wonach lokal-pragmatische Verwaltung folgt. Psychopolitische Erschöpfung löst sich auch 1672 nicht auf, als von Lxiour aus ein Konsolidierungsversuch gestartet wird: kurzer Boom Herbst 1677, 1678 bereits ausklingend, und von Anfang 1679 bis Ende 1690 eine gewaltige Wirtschaftskrise. Ressourcenknappheit, Verfall, Zerfall. Am 10.5.1687 beginnt die Notstandsverwaltung. 


Der Boom von 1691-1693 kommt für Optimisten unerwartet und für Pessimisten ungelegen. 1694 ist ein politisch bis zum Zerreißen turbulentes Jahr. Ende des Jahres fängt ein weiterer leiser Aufschwung an, Mitte-Ende Dezember 1695 erreicht der hochspekulierte HFX zu jener Zeit legendäre 6913 Punkte, dann folgt ein Crash. Doch schon am 11.1.1696 passiert Paradigmatisches: Regierungschef John Deader versichert politisch ubd ökonomisch Stabilität auf Jahrzehnte, was die Rückaneignubg politischer Macht und ökonomischer Ressourcen impliziert.


Die 1650-er sind intellektuell von der Integralphilosophie van den Kiffens geprägt, psychopolitisch von Nachuntergangsstimmung. 1652-1658, insbesondere Mitte-Ende 1656, prägen die katastrophalstmöglichen Verhältnisse eine ganze Generation mit Pessimismus und Negativität.


Die 1660-er sind eine interessante Zeit des Kampfes fremder Mächte um das Land, Pragmatiker und Avonturisten schmieden wechselnde Bündnisse; Söldnertruppen entstehen. Geistig ist nichts los. Das wird 1672-1676 mehr als nachgeholt, aber nicht zum Vorteil psychopolitischen Wohlbefindens.


Die 1670-er sind die eigentliche Zeit der Ohnmachtsverwaltung, und ab 1679 hört die Politik im eigentlichen Sinne auf und es gibt nur noch die Wirtschaft, und zwar in der Form permanenter Krise.


1685-1690 findet die abschließende demographische Katastrophe statt. 




„Totale Verwüstung des Landes, außenpolitisch die ungünstigsten Machtverhältnisse, klimatisches Pessimum. Andererseits immer antifragiler werdende geistig offene und fremdenfreundliche Bevölkerung; Arbeitsmoral bei steigender Not immer höher, Sparquote über 60%, Wirtschaft im jahrzehntelangen Notmodus wie ein perfektes Uhrwerk. Das ist nicht das Rezept für eine Endzeit. Was Deader am 11.1.1696 zum Ausdruck brachte, war kein „Wir können!“, denn das war seit Jahren klar. Es war ein: „Wir dürfen!“ - unseren Platz in der westlichen Machtpolitik behaupten. Wir sind die konstruktivste Macht unserer Zeit, keine Eroberer, Unterdrücker und Zerstörer. Wir haben das Recht (!), um unser politisches Überleben zu kämpfen. - So eine breite psychopolitische Moralbasis bereits 51 Jahre vor der Moralischen Revolution. Es war also eine Zeit der Katharsis, von den 1620-ern bis 1696, als wir wieder zum Subjekt der Geschichte wurden“.

Eric Bernard, 26.12.1914.

Dienstag, 16. Dezember 2025

Anomie (1622-1652)

 

 

 

 

1. Positiv-nihilistische Phase 1622-1624


Im Grunde, Großen und Ganzen ein Zustand wie vor 1556, aber mit Lxiour und weiteren Tafelberg- und Bergfestungen. Das ferne Actinien noch unbedeutend.



2. Apokalyptische Phase 1624-1627


Beginnt in der zweiten Märzwoche 1624 mit einem präessentialistischen Erweckungskult. Ein junger vortrefflicher Feind aus dem Norden, Grevious (1597-1682) zeichnet sich militärisch aus in einem hybriden Krieg, der alles Nichthochgebirge in Zerstörungsleidenschaft zieht.



3. Postapokalyptische Phase 1627-1632


Ende Januar 1627 sind die Verbindungen der Tafelberge und Hochgebirgsburgen voneinander abgeschnitten. Die Bevölkerung in nicht eroberten Gebieten ist zahlarm, wirtschaftlich zu vernachlässigen. Die Bevölkerung in besetzten Gebieten löst ihr Staatsbewusstsein auf; politische und kulturelle Anomie erreicht ihren Höhepunkt.



4. Melancholische Phase 1633-1639


In Ceachelle und anderen Städten entsteht ein schüchternes Revival der alten Staatsordnung, Widerstand gegen die Besatzer wächst. Actinien wird zum politischen Zentrum und zieht militärische Aufmerksamkeit auf sich.



5. Annihilatorische Phase 1640-1646


In drei Befreiungskriegen wird der Großteil der zerstörten Finisterre befreit, Actinien erlebt einen Vernichtungskrieg, hält aber stand (weitgehend zerstört und nach Gebietsverlusten).



6. Postnihilistische Phase 1646-1652


Trotz modernster Kriegsführung ist Grevious in Actinien gescheitert; die Versorgung der Truppen in der Finisterre ist teurer als bei der wirtschaftlichen Lage im umkämpften Land bezahlbar. Der Friedhofsfrieden kehrt endgültig ein.




„Ich schlage jede Armee, aber nehme keine Festung ein. Dafür liegen sie zu hoch und sind landschaftlich perfekt eingestellt. Ich kann meine Truppen nicht mit dem versorgen, was wir auf dem Land konfiszieren. Kein Wunder, dass ich jede ihrer Armeen schlage. Sie kämpfen in diesem Zustand noch, wir würden nicht mehr stehen können“. 

General Grevious, 17.2.1648.

Zweites Rokoko (1616-1621)

 

 

 

 

Die Finisterre ist leerer ungemütlicher Zwangslandschaften; sie ist voller Tafelberge. Ein südlicher Tafelberg nicht weit von Ceachelle wurde von Kiite Aurele im Juni 1888 einzelbesiedelt; der Philosoph ließ sich von Legenden um die Letalität des Dortlebens nicht beeindrucken und baute ein Haus. Seit dem 13.3.1914 lebt er in der Stadt Aurele ohne umgezogen zu sein: die paar Häuser, die später in seiner Nachbarschaft entstanden und sein altes Haus bekamen das Stadtrecht. Der Tafelberg ist 222 Quadratkilometer flach; Aurelius wusste schon 1888, dass er eine neue Stadt gegründet hatte.


Die Hochebene von Lxiour, nach wehrtechnischer Bearbeitung ebenfalls ein Tafelberg, erlebte am 7.5.1616 eine hedonische Revolution gleichen sonders. Die Verbindungen zum besetzten und bürgerbekriegten Flachland waren unterbrochen, und nur noch punktuell über die Finisterre verteilt existierte der Staat, dessen Funktionalität durch die Komprimierung jedoch das Gegenteil von litt.


Die flachländische Anomie mit der Endzeitstimmung im besetzten und überfremdeten Ceachelle malgenommen war ein Kontrast zur durch die Hochebene von Lxiour rollenden ruhigen Kugel. Die Konferenz der Besatzungsmächte am 2.8.1618 hatte nichts an Raubgut zu verteilen, da alles von wahrem Wert längst in die tafelbergebene Hochsicherheit gebracht wurde. So wurde heiße Luft aus Hass und Gehässigkeit ausgetauscht; die selbsternannten Sieger gingen frustriert nach Hause, die Verlierer lachten.


Es war eine Zeit der Leichtigkeit oben, und eine Zeit des Nihilismus der Freiheit brach unten an: der fremde Kult wurde mit einem selten coolen Schulterzucken Anfang November 1620 offiziell aufgegeben.



Psychopolitisch lief es so:


Mai 1616 bis Hochende 1617: Zerfremdung in Rokoko oben und Prä- bis Hochapokalyptik unten.


Ende 1617 bis Spätsommer 1618: Einsicht in die Nichtkunft der „Performance“. Ontopolitische statt religiöse Radikalisierung.


Herbst 1618 bis Spätherbst 1620: Politische Anomie unten, essentialistische Opposition zum Kult oben (diesmal konnte der Kult nichts mehr vereinnahmen); Anfang November 1620 Abschied vom Kult.


Ende 1620 bis 1621/22: Leichtigkeit im Nihilismus der Freiheit. Nomanslandifikation besetzter Gebiete. Konsolidierung des Kernstaates in Lxiour.



Nicht zu vergleichen mit der seltsam moralgeladenen Konferenz der Ausbeuter und Räuber, oder gerade zu vergleichen, weil das kontradiktorische Gegenteil, war die Siegerkonferenz von Arenkord (5-9.4.1914), die für nicht weniger als die beste aller Welten ordnungspolitisch den Grund legte.


Die Ordnungskonferenz von Reburt 4-8.5.1914) legte den Grundstein für die bis heute bestehende Weltordnung.




„Heute, am 28.3.1914, retiriere ich von allen Ämtern als freier Privatier. Als Quasibürgermeister der Stadt Aurele verbleibe ich bis ich des Todes sterbe im Amt. Als ersten Ehrenbürger begrüße ich General Riki, der nach seiner letzten Amtszeit im Senat in ein Haus in meiner Stadt einziehen wird, das noch zu bauen ist. Der Ort, den er für sein Haus aussucht, heißt durch meine erste Amtshandlung General-Riki-Platz, was selbstredend eine hochprächtige Parkanlage impliziert. Ich rechne mit einem explosiven Wachstum meiner Stadt, da auf dem Tafelberg abbaubare Kiragassit-Vorkommen entdeckt wurden“.

Kiite Aurele.



Die heutige Stadt Endevereaux begann als von Waldgängern besiedelter Tafelberg (Frühsommer 1616). Noch 300 Jahre später war da nichts als Wald mit ein paar Hütten. In den 1960-ein begann ein bescheidenes, in den 1990-ein ein explosives Wachstum. 2011 erreichte die Stadt eine fünfstellige Einwohnerzahl, 2024 waren es 20000.

Dienstag, 18. November 2025

R+R-P (1614-1617)

 



 Was ist eine Revolution? Eine Show fürs Volk, denn die Macht lässt sich viel besser durch einen stillen Putsch ansichreissifizieren. Aber das taten sie nicht: sie zelebrierten ihre Revolution geradezu. Ohne fremdländischen Einfluss ist es nicht zugegangen, dass ist sicherlich klar. Was war wirklich los? Die Radikalisierung hat zu nichts geführt, die zweite Pandemie (November 1611 bis Frühmitte 1613, nach der ersten, die von Anfang 1600 bis 1602 sogar ganze zwei Jahre gedauert hatte) erschöpfte jede Möglichkeit wirtschaftlicher Erholung. Die Verwaltung des Nichtskönnens war die Blaupause für die Verwaltung des Nichtwissens durch insbesondere Kjelde und Gravelaine (wie es Krizhenaidzhan später ausdrückte).


Aber zunichtschlechte lässt sich den Machtohnmächtigen Folgendes halten: das Land war derart überfremdet, dass es längst zu einer Kolonie geworden war. Die 113000 Einwohner lebten zum Zeitpunkt der Staatsgründung (Juli/August 1556) ziemlich bevölkerungsdicht; jeder Dritte war Fremdländer, und das änderte sich alles andere als: die Befriedung der Finisterre durch John Coorder und das Wirtschaftswachstum danach lockten Einwanderer ins Land, sodass am Bevölkerungslokalpeak von 316000 Einwohnern im Jahr 1599 nur noch 31% in der Finisterre geboren waren. Natürlich beeinflussten fremde Kulturen die ihrländisch sozialisierte Einwanderungsbevölkerung.


Kurz: nur das Hochland von Lxiour war kulturell sich selbst ein Zuhause. Als einwanderungsfreundlichstes Land überhaupt, mit aufrichtigster Willkunft von Flüchtlingen, hatte sich der junge Staat schnell übernommen. Aber Fremdenfeindlichkeit war zu keinem Zeitpunkt und auf keiner Seite des politischen Spektrums auch nur ein flüchtiger Gedanke. Vielmehr lernte der junge Staat zum ersten Mal den Zustand der Antifragilität kennen; er behauptete nicht nur Souveränität, er exportierte sie auch, etwa in die 1582 gegründete Filiale Actinien, in welcher eine alte iniische Kolonie aufgegangen war. 


Die fremden Mächte teilten sich die Handelsstädte an der Küste auf. Es begann nach der Revolution, die zu fremder Besatzung führte, eine „Resistance“ (Spätsommer 1615), die, bei fest angenommenem Erfolg ab 1617 in die sogenannte „Performance“ münden sollte. Stattdessen gab es nur Anarchie: die Küstenstädte waren besetzt, das Hinterland uninteressant, und die Hochebene von Lxiour verlor die Lust am Flächenstaat und genügte ab 1616 politisch sich selbst.



„Das erste genuin philosophische Werk aus unserem Land war schlicht mit „Wahrheit“ betitelt; das Zeitalter des Wahren sollte nach dem überstandenen Krieg eine Generation später beginnen. Ende 1617 war der wahre Anfang der Philosophie in der Finisterre, und die erste philosophische These lautete: „Es ist böse, dass das Böse existiert“. Damit war auch der Endzweck des Wahren, das Gute, vorgezeichnet“.

Kiite Aurele, 16.7.1913.


Wolf Kress am sehr späten 17.7.1913:

„Fuck, really? So fing sein Manifest an? Fuck! Besser als unser Diine nach 5 Bier. Kategorisches Denken, da kann man nicht mehr viel sagen. Junge, und der war völlig nüchtern. Und wie nannte er sich, Cliff Resistance? Was zum verschneiten Berg…“


Radikalisierung (1605-1613)

 



 Der Crash in der ersten Jahreswoche zeigte überraschend, dass der Aktienindex HFX mittlerweile zur wahren Volksreligion geworden war. Der Kult musste für 3-4 Jahre zurückstecken, politischer und wirtschaftlicher Pragmatismus standen im Mittelpunkt. Doch die Wirtschaftskrise wollte kein Ende finden, und fand auch bis zum Ende der pragmatischen Herbstphase keins; der Spätherbst der Enttäuschungen trug auch politisch (Spätsommer 1607, Sommer 1608) zur letztlich-Radikalisierung der kurz vernachlässigten Kultes bei (ab 1609). Es war so trist, dass nicht einmal Eskapismus darüber hinwegtröstete.


1611 kam ein kurzes psychopolitisches und wirtschaftliches Aufbäumen, aber im November begann eine Pandemie, die bis 1613 andauerte und die Wirtschaft abermals lahmlegte. Die wirtschaftspolitischen Vereinbarungen und Vorsätze von 1608 scheiterten vollends, und das Umkippen der Stimmung von fröhlich apokalyptischer Parusie zum manichäisch radikalistischen Welthass ergriff das ganze untere und mittlere Volk.


Es war eine Zeit, deren Genosse man sehr ungern gewesen sein muss. Zudem wiederholte sich, diesmal als schlechter Witz, ab 1611 die Hochromantik der Oberschicht. Das führte zur völligen Unglaubwürdigkeit der politischen Eliten. Religiöse Populisten mussten da nicht mehr viel tun, um als die letzte Hoffnung zu gelten. 


1613 mischten fremde Mächte längst mit, sodass die Revolte des populärsten religiösen Demagogen ab dem 6.1.1614 sich als gegen Fremdherrschaft gerichtete Revolution präsentieren konnte. Wieder mal waren durch Pandemie und ihr vorausgehende Hochromantik alle vitalen Kräfte erschöpft. 


Doch zum Glück besteht ein Staat nicht nur aus Volk, wozu auch die politischen und ökonomischen Eliten zu zählen sind. Es gibt diesen ideellen Kern, der, wenn es ihn denn gibt, und es gab ihn, gerade in Zeiten wie diesen den Grundstein für eine große Zukunft legt.



Kultphasen


1588-1590 Erweckung 

1591-1594 Naivität 

1594-1596 Postsoteriale Leere

1597-1602 Parusie

1603-1608 Ernüchterung 

1609-1615 Radikalisierung 

1616-1619 Intellektualisierung (zum Essentialismus)

Spätherbst 1620 Abschied vom Kult; Nihilismus der Freiheit

Dienstag, 11. November 2025

Erstes Rokoko (1595-1604)

 

 

 

Die Leere nach dem Sieg des neuen Kultes wurde mit einem Hedonismus gefüllt, wie ihn die nihilistische Kultur zuvor nicht erlebt hatte: das Schweigen des fremden Gottes nach seiner Eroberung bedeutete, dass die Lust auf einmal doch etwas zu sagen hatte. Im Frühjahr 1595, als ein explizit erotisches Buch erstmals seit 1589 nicht verboten wurde, war es das Zeichen für die im Frühjahr und Sommer der Finisterre entstandene Mittelschicht: die Eliten haben keine Macht mehr, das Volk will nichts mehr, denn es hat bekommen, was es wollte, und geht nun an seiner Enttäuschung zugrunde.


Mitte Januar 1596 ist die Erlösung von der Transzendenz erlöst. Die Parallelgesellschaft aus geistig-mystischen Eliten, der hedonistischen Mittelschicht und dem zwischen Schuld und Hoffnung zerrissenen Volk ist Realität geworden: die Finisterre wollte ein Staat sein, und sie ist ein Staat im modernen Sinne geworden. Sie überholte psychohistorisch mit dieser Entwicklung bereits 40 Jahre nach ihrer Gründung den Rest der Welt.


1596 bis Mitte 1597 dominierte kulturell der Hedonismus der Mittelschicht, dann eine von den Eliten gern gesehene Volksromantik, und Anfang Juni 1599 setzten die Eliten dazu an, die psychopolitische Macht in einem nie gesehenen Sturm der Hochromantik an sich zu reißen. Das war ein Sommer edelster, höchster Affekte, die auch die Mittelschicht begeisterten, da abzusehen war, dass der Hedonismus letztlich ins Leere laufen würde.


Die neue Religion wurde nicht vertrieben, sie wurde weiter kultiviert. Die inneren Widersprüche brachten den Kraftakt zum Scheitern, und Anfang 1600 kam eine weitere Pandemie, und diesmal war der Virus physischer Art. 1600 und 1601 verwüstete die Krankheit das Land mit einer Bevölkerung, deren Immunsystem vor psychischer Überlastung nicht handlungsfähig war. 1602-1604 kam das Rokoko nach dem Ende der Pandemie zurück, diesmal machten auch die Eliten mit. Als am 11.1.1605 ein neuer, pragmatischer Regierungschef an die Macht kam, war die ganze Finisterre erschöpft, enttäuscht und psychopolitisch in Hoffnungslosigkeit versunken.

Virus des Geistes (1588-1594)

 

 

 

 
Im Hochsommer 1588 ging der erste Hochsommer der Finisterre unmerklich wie abrupt zu Ende: die Eliten und das Volk, der Geist und die Psyche, hatte keine gemeinsame Daseinsgrundlage mehr. Die Entfremdung wuchs wie eine exponentielle Funktion, und bereits im Spätsommer 1588 begann ein apokalyptischer Schuldkult im Volksgeist sein Unwesen zu treiben.


Er war vertraut und verständlich, und infizierte das Bewusstsein wie ein neuer Virus eine Bevölkerung ohne jede Immunabwehr. Das Immunsystem kannte durchaus die üblichen Erreger, aber es war nach permanentem Kriegszustand zu erschöpft, um sich rechtzeitig zu regenerieren. Es wurde unvorbereitet getroffen, und die Eliten, denen sich gerade das Mysterium des wahrhaft Göttlichen offenbart wurde, konnten das Volk nicht schützen. Im Herbst 1588 eroberte eine geistige Infektion das Land so total wie keine  Virusinfektion zuvor oder nachher. Es war die totale Zerstörung des Geistes, die sich psychohistorisch auf die Angstkultur der Hocharmageddonik stützen konnte.


Die Handlungsfähigkeit der Eliten war endgültig paralysiert, nachdem am Nachmittag des 7.3.1589 die Finisterre psychoökonomisch zusammenbrach. Das war der urplötzliche Anfang des Third Turning: schlagartig war der Optimismus wie ausgelöscht, und der neue soteriologische Kult der Hoffnung, als welcher er aufgetreten war, wurde endgültig zum Schuldkult. Die Eliten haben aber alles mögliche und weit darüber hinaus getan, um das Land zu retten: Anfang Mai 1591 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, ja die erste schriftlich festgehaltene Verfassung überhaupt. Es wurden nicht nur Konzessionen an den neuen Kult gemacht: er wurde als offizielle Religion bestätigt und Anfang Februar 1594 zur Staatsreligion erklärt. Denn gegen Gott hatten die Eliten nichts.


Folgte nachdem der Frieden im Staat wieder ermöglicht wurde, die große religiös-spirituelle Verständigung? Leider war das nicht der Fall, denn unmittelbar danach folgte stattdessen eine Sinnleere, wie sie noch kein Nihilismus zuvor gesehen hatte, und das Volksempfinden fiel in eine Leere, die auch kein Heilsversprechen mehr füllen konnte.

Hochsommer (1580-1588)

 

 

 

In den ersten Four Turnings der Finisterre ist in der Zeit des Sommers (1575-1589) besonders der Hochsommer interessant: der 9.9.1580 kann als mystischer Anfang der Religion des Schönen bezeichnet werden; das Problem jeder neuen Religion, die durch Eliten und von Mysterien lebt, ist jedoch, dass sie nicht schnell genug staatstragend werden kann. Außerdem spielen die psychohistorischen Prägungen der Staatsbevölkerung eine zu große Rolle, und die Finisterre war für viele Generationen das von Krieg und Zerstörung geprägte Ende der Welt.


Das Leben war selbst Philosophie (des Augenblicks), und von den Krisenzeiten geht ein größeres Bedürfnis aus, den Sinngehalt des Zeitalters zu finden. Es ist nichts Tradierenswertes überliefert worden, aber Herbst 1580 bis Sommer 1588 war der psychopolitische Hochsommer der Finisterre.


Lxiour war das Staatszentrum, die Eliten nahmen hier die neue Religion schnell und mit großer Begeisterung an. Die Zeit des Nichts war vorbei: Es schlug um in pures, grundloses Sein. Das war dem Rest des Landes zu fremd: das unaussprechliche Schöne, der mystische und ästhetische Urgrund einer guten Welt war vor allem als Urknall des Urvertrauens aus dem Nichts nicht zu begreifen.


Positiver Nihilismus (1556-1580)

 

 

 

Die Philosophie der Gründungszeit in der Finisterre war in ihrer Anfangsphase vom Lesbischen Hedonismus geprägt. Annie Hold (1555-1583) formulierte die Grundprinzipien, die als Abgrenzung vom Fearismus, Sadismus und Nullsummenhedonismus der Hocharmageddonik (1524-1558) gedacht waren.


Der Krieg auf dem Gebiet der noch nicht unabhängigen Finisterre ging in diesen letzten 34 Jahren in die Phase totaler Zerstörung, wogegen das Gesetz des Verstandes den Widerstand nichtnihilistischer und positiv nihilistischer Interlesbien behauptete.


Der Fearismus erreichte seine höchste Iität 1577, und war eine eskapistische Gegenbewegung zur Unentrinnbarkeit des Kriegsgeschehens. Die Bevölkerung konnte nicht viel tun als auszuharren und von besseren Zeiten zu träumen, wobei jede Generation aufs Neue die Erfahrung gemacht hatte, dass die Zerstörung nur größer wird. Die Helden fielen beim Schutz der Interlesbien und Klöster, und erst die Gründung von Lxiour auf einem Hochplateau 1556 ermöglichte ein größeres Gemeinwesen, das vom Kriegstreiben verschont war, indem es sich als uneinnehmbare Festung verstand.


Von Lxiour aus wurden in den letzten zwei Kriegsjahren schnell Kräfte akkumuliert, die „die Zerstörung zerstörten“ (Kjelde, 1640). Das Raubrittertum hatte keine Chance gegen das neu gegründete „Dorcor des Westens“: die Stadt Lxiour füllte sich derart schnell mit Hochpassionariern, dass bereits im Sommer 1558 die Barbaren im abwertenden Sinne geschlagen waren.


Iisch war weiterhin die Stimmung: außerhalb Lxiours war das Land angreifbar von allen Seiten, und das führte zur „mystischen Domestizierung“ (Loken) der Bedrohung. Der fearistischste Denker und Händler der Zeit war Fred Kinrol (1525-1579): er dachte sich Horrorgeschten aus und vertrieb sie buchhändlerisch.


Iya, die geisterhafte Urgottheit nordischer Wälder, erschreckte nicht nur Kinrols Leser. Doch zum Ende des Krieges hin hatten die, die eine banalere Form der Angst verbreitet hatten, mehr Angst vor John Coorder: der Hochpassionarier wurde 1556 zum ersten Regierungschef der Finisterre, und bekämpfte die Räuberbanden mit Filmreife Brutalität.


Im befriedeten Land der 1570 machte sich schließlich ein entspannter Romantismus breit, Ende 1573 gewann der Ritter Berger aus der westcolochmetischen Hauptstadt Dea das Ritterturnier von Corshoon, 1575 siedelte sich gleich in der ersten Woche des Jahres der erste anspruchsvolle Musiker in Lxiour an und komponierte „Das Wetter am 1.9“. Ob der Gründungstag des Tempels von Dorcor (222) gemeint war, sagte er nicht.


Der Nihilismus der 1560-er war unschuldig-kindlich: Wir leben; wir haben überlebt; wir sind und brauchen dafür keinen Grund. Der Nihilismus der 1570-er war jugendlich-romantisch: ein positiver existenzieller Edelnihilismus, der das Nichts als einen Festen Grund betrachtete, als den Boden, auf welchem (nun endlich) etwas aufgebaut werden konnte.

Freitag, 7. November 2025

Ehre

 

 

 

Adelaid I war ein guter und gerechter König. Alle Zeichen der Götter sprachen für seine Heiligkeit. Er war Theokrat im besten Sinne. Als er den dem Vienne-Legalismus verfallenen Hittiten sagte: „Gebt mir die Stadt Dea, ihr könnt sie vor den Diedendieden nicht schützen!“, war deren Antwort: „Dea ist unser nach dem heiligen Recht der… [Aufzählung der Götter]“. Die Colochmeten schlugen die Hittiten in einer einseitigen Schlacht mit, was auf dem Fußballplatz zwei Mann weniger wäre, und machten Dea zu ihrer neuen Hauptstadt (1296). Die Diedendieden raubten aus dem Norden lieber südwestwärts, weil südlich die Colochmeten und südöstlich die Venger mit Schutz drohten, den die Hittiten der Städtekonföderation unter ihrer Oberherrschaft nicht bieten konnten. Die profane Profitherrschaft legitimierte sich mit dem Willen der Götter, der heiligste König seiner Zeit dachte pragmatisch.


Nachdem der Vengerking Kibort I Liine erobert hatte (1299), wollte er Adelaid I zu einer Schlacht um Reburt herausfordern. Adelaid kam aus Dea allein und zu Fuß nach Liine, wo der unbesiegte Venger ihn erwartete, aber in Gesellschaft eines Königshofes und eines Heeres. Nach dem Treffen mit Adelaid hatte Kibort nur noch ein Ziel: den Respekt des heiligen Königs. Er nahm von ihm den Dorcor-Kalender und die Verpflichtung an, freie Länder vor nomadischen und sesshaften Barbaren zu schützen. Nach drei Jahren dankte er ab: „Keine Lust mehr zu herrschen, wichtigeres zu tun!“, und ging zu Fuß nach Dea. Er hatte gehört, dass auf einer Reise mit dem Königshof von Dea nach Reburt Adelaid im Regen angehalten hatte, um einem Hirten zu helfen, seine Schafe ins Trockene zu bringen. Kibort soll unterwegs nach Dea als allein reisender Privatier 60 gute Taten begangen haben, bei welchen er die solaren, lunaren und tellurischen Tugenden in perfekter Form verwirklichte. Zwei Raubüberfälle auf einfache Leute löste er durch Verhandlungen mit den Räubern, bei zwei siegte er allein gegen drei respektive fünf mit dem Schwert. Als er in Dea ankam, feierte ihn Adelaid I als Kibort den Unbesiegbaren und ließ ihn im Königspalast neben sich wohnen, bis Kibort 1306 an den Folgen seiner Verletzungen starb.


Ehre allgemein: die Colochmeten und nach ihnen die Venger sprachen vor Kriegen das zu geltende Kriegsrecht mit ihren Gegnern ab und vor einer Schlacht jeweils die Behandlung der Gefangenen und der Zivilibevölkerung besetzter Gebiete. Kriegsverbrechen wären derart ehrlos gewesen, dass sie nicht einmal einfachen Soldaten in den Sinn kamen. Es kam oft vor, dass vor einer Schlacht mehrere Duelle von exzellenten Kämpfen unterschiedlicher Waffengattung vor den still stehenden und applaudierenden Reihen stattfanden. Ein in der Schlacht wild kämpfender Diedendiede, Died den Dier, ein früher Vorfahre der Mutter des kerischen Philosophen Kjelde übrigens, schlug in einer Schlacht 38 Colochmeten, und als er erschöpft umfiel, wurde er von Adelaid I persönlich geborgen und in den Königspalast mitgenommen, wo seine Wunden versorgt wurden, und wo er ein Jahr lang Nahrung, Medizin und Rehabilitationstraining bekam, wonach er, wieder bei vollen Kräften, gehen durfte. Er erklärte seinen Landsleuten, dass er fortan für das im Entstehen begriffene Königreich von Keria noch weiter im Norden kämpfen würde. Der König von Edelia veranstaltete zu seiner Verabschiedung ein Fest und ließ danach Freiwillige mit dem Helden nach Norden ziehen. 60 Mann kamen mit. Sie wurden zur Elitetruppe des kerischen Heeres, spielten die entscheidende Rolle beim Sieg über die Onubityanen und Trendelen, und halfen den Vengern, die es weit nach in den Nordosten des Westens verschlug, die indigenen Igra zu besiegen, weil diese nicht nach den Regeln kämpften. Unser Held war sehr einfacher Abstammung. So viel Ehre muss sein.



„Adelaid I war der Bodoncar des Westens“.

Ilf Ill.


 

Phobokratie und Thanatokratie

 

 

 

„Ich will Liebe, sagt der Phobokrat, und will Herrschaft; Ich will Frieden, sagt der Thanatokrat, und will Kontrolle“. Kiite Aurele.



Die Venger waren in der Wahrnehmung legalistischer Reiche des Westens das, was man heute als Phobokraten bezeichnen würde, doch sie waren nur Theatrokraten, und die Titelinflation ihrer Könige hatte nur die höhere Heiratswürdigkeit nach legalistischem Prinzip zum Ziel. Je höher der Königstitel, umso höher stand der König über seinesgleichen, wenn er sie natürlich militärisch bezwingen konnte: Keren VIII heiratete die begehrenswerteste Prinzessin des Westens nach dem Sieg über die Truppen ihres Landes, aber formal, weil der einzige König mit dem Titel des Imperators war.


Die wahren Phobokraten waren die Ghoster, und die Sin waren sogar Thanatokraten. Wobei die Ghoster wiederum theatralische Phobokraten waren: „Geben mir Prinzessin, sonst musse Angst habe!“ Die Legalisten von Preteria, die die Willkürherrschaft der Oligarchen religiös legitimierten, waren die wahren Phobokraten. Die Stadt wuchs, und in ihr die abhängig beschäftigte Bevölkerung. Sie war konjunkturabhängig, d. h. politisch sehr wetterfühlig, ganz im Gegensatz zur souveränen Landbevölkerung, die sich kaum um idiosynkratische Gesetze und ihre noch idiosynkratischere Begründung kümmerte.


Schon unter der Ordinarenherrschaft zogen schwächere Naturen und Geister vom Land in die Stadt, und im ausgehenden 14. Jahrhundert bestand der Großteil von Preterias Bevölkerung aus Lohnabhängigen, die weltliche Pflichten heilig nahmen, d. h. scheinheilig waren. Ihnen diente die religiöse Begründung der Herrschaft der psychologischen Begründung ihrer Knechtschaft.


Und die Sin? Das waren die, die es in die Priesterschaft von Dorcor nicht geschafft haben. Sehr gut, aber nicht gut genug für Geistliches, waren die Begründer des Sin-Volkes mehr als gut genug für Weltliches. Eine verselbstständigte Kriegerkaste mit existenziellem Ressentiment gegen die Reinheit der Priester. Und sie wollten reinigen, indem sie töteten. Sie wollten beschützen, indem sie vernichteten. Sie waren kein substantielles historisches Subjekt, dafür aber die Helden aller Geschichtsatlanten in den Schulen des 18. und 19. Jahrhunderts.


Was hat die Geschichte bloß mit dem Jahr 1290? Alienne, Vienne und Preteria gegründet, erstes interlesbisches Königtum (in Alienne), Inthronisierung von Adelaid I in Reburt, das er aufgrund alienneferner Lage 1296 zugunsten von Dea als colochmetische Hauptstadt aufgab, und, last and least, die Gründung von Sinpustan unzähligere Mehrometer als behauptet südlich von Dorcor. Die Sin eroberten, siegten, zerstörten, vernichteten, und fütterten die Schulatlanten mit viel Material. Doch die Menschenschläge, die sich ihnen entgegenstellten, waren nach dem Schwert besser aufgehoben als davor. Wer weiß, was die Schlechtesten der Schlechten in den Süden des kontinentalen Ostens verschlug, jedenfalls waren die Menschengruppen in vorstaatlicher Zeit global mobil, und was sich in bestimmten Regionen niederließ, hatte keine genetische, sondern eine lebenshaltungsbedingte Zusammenkunftsursache.


Eine Wasfürokratie hatten dann die Stadtstaaten an der Westküste des Westens, im Südmeer des Westens, und an den großen Flüssen und Strömen, die weder Feiglinge ausbeuteten noch von Eroberungen lebten? Das waren mehr oder weniger oligarchische Republiken, die vom Schutz organisierten Drogenhandels lebten. So würden wir es heute nennen, und der Abstand der Jahrhunderte sollte uns nicht daran hindern. Die Steuereinnahmen wurden durch Rauschmittel und Luxuswaren generiert. Die geistig-moralische Spitze in der Frühzeit des Lhieh des Guten waren Berg- und Burgstaaten mit Subsistenzwirtschaft und heiliger ästhetischer Ordnung: mönchische und interlesbische Kallokratien.


Ideotismus

 



Ideologien blieben in den Köpfen der Ideoten und es gab keine parareligiösen Geistesperversionen, selbst in nihilistischen Diktaturen nicht. Ideologische Verkürzungen entstanden mit den naturwissenschaftlichen Abkürzungen der Welterklärung, doch ideologische oder Ideologie-Zuschreibungen haben sich als falsch erwiesen. Die Schurkenstaaten der Geschichte wurden legalistisch regiert. Eliten und Geschäftemacher teilten sich in Herrschende und Beherrschte auf, die Völker waren frei. Denn: es gab nie Volk in kritischer Masse für die Massengesellschaft; Menschen bilden grundsätzlich keine Massengesellschaften. Und die Bevölkerungszahlen sind durchaus bekannt.


Die Venger eroberten nicht wirklich Reburt, vielmehr eine Unzahl von Stallungen. Selbst die Pferde wurden von den sich zurückziehenden Colochmeten mitgenommen. Die Festungen existieren noch nicht, und die einzige Verwaltungseinheit, die als Stadt Reburt um 1300 oder 1350 hätte bezeichnet werden können, war ein Tempel, dessen Heiligkeit nie verletzt wurde. Die Eroberer hatten sogar Angst vor dem Tempel, sie holten sich die Erlaubnis der Priester und Mönche ein, im umliegenden Gebiet Siedlungen zu bauen. Die Zahlen, so nackt wie sie sind:


Einwohnerzahl von Reburt (Stadt/unmittelbar beherrschtes Gebiet):


1200: 2250/6000


1225: 2600/7500


1250: 2700/7800


1275: 2800/8100


1300: 2750/8200


1325: 1600/8000


1350: 1200/6400


Was geschah? Reburt verlandete. Es war ein großes und cooles Dorf vor der Eroberung, und eine kleine Militär- und Handelsbasis in der ersten Herrschzeit der Venger.


Als Geschichts- und Kulturwissenschaft getarnte Gesinnungsschnüffelei der Glaubensinhalte der anderen interpretierte in der Neuzeit Glaubenssätze als politische und soziale Imperative. Sie hielten geschriebenes oder als gesprochen dokumentiertes Gerede für verbindlich und verwechselten Ausrede und Motivation. Der Legalismus ist eine Ausredenfabrik, um private Interessen für politische ausgeben zu können. Eliten überredeten ihre bewaffneten Anhänger, indem sie politische Prinzipien aus Rhetorik und heißer Luft formulierten. Der vengrische König Kibort I (1253-1306, Regierungszeit 1285-1302) begründete die Eroberung von Liine (1299) damit, dass er Lust darauf hatte. Mit einem „Keine Lust mehr!“ dankte er ab und ließ Kibort II auf sich folgen.


„Eine Ideologie ist bloß eine Idee, die logisch ist“. (Kjelde oder Gravelaine zugeschrieben)





Die Herrscher der Venger mit den Regierungsjahreszahlen (offizieller Kanon); in Klammern der offizielle Titel, bestmöglich übersetzt:

Aristarch I. 1261-1272 (Mann/man)
Aristarch II. 1272-1279 (Chef)
Aristarch III. 1279-1285 (Boss)
Kibort I. 1285-1302 (King)
Kibort II. 1302-1311 (King)
Kibort III. 1311-1316 (Kinkong).
Keren I. 1316-1324 (Kinkong).
Keren II. 1324-1328 (Superkinkong).
Keren III. 1328-1337 (Ultrakinkong).
Keren IV. 1337-1343 (Schach).
Keren V. 1343-1354 (Schach).
Keren VI. 1354-1363 (Schachenschach).
Keren VII. 1363-1381 (Schachenschach).
Keren VIII. 1381-1418 (Imperator).
Keren IX. 1418-1461 (Всемогущественный)

Nach dem Tod des Königs mit der nur so richtig wiedergegeben werden könnenden Übersetzung des Titels entstand eine Mehrerokratie aus sich gegenseitig nicht anerkennenden und später nicht anerkannten Kings.

Chaordnung

 



Warum wurde die Geschichte von Jason Walton May zum Urmythos des Westens? Weil je weiter die Staatenordnung um sich griff, mehr und mehr Unordnung in die Welt kam. Die Staaten stritten untereinander um Länder und Passagen, selbstinnerhalb um Legitimität. Und die Streitfragen wurden auf dem Schlachtfeld entschieden. Die Ordinaren verloren die entscheidende Schlacht gegen die Venger 1361, doch diese gerieten selbst durch die Serpedier im Nordosten und die spontan einfallenden Nomaden im Osten unter Druck. Die Ordinaren mussten nach 49 Jahren Gewaltherrschaft aus Preteria fliehen, stellten aber seit 1316 das Personal für den Königshof in Baryxtaw, wo ihre Dynastie bis 1461 überdauerte, bis eben Yuzia von Sinpustan erobert wurde.


Die nordischen Reiche waren der Osten des Westens: weitläufig und weitgehend menschenleer. Der edelischen und kerischen Invasion südwärts ging die Expansion des nordischen Klimas voraus: es war von ungefähr 1180 bis etwa 1310 recht warm, und danach für ein Jahrhundert immer kälter. Noch kältere Kälten kamen nach den wechselhaften Jahrzehnten von 1415 bis 1460, mit außergewöhnlich warmen Jahren zwischendurch. Bis etwa 1680 blieb es fast durchgehend kalt, dann wurde es in Wellen wärmer, und ab 1740 stiegen die Durchschnittstemperaturen, abgesehen vom Absturz Ende der 1790-er, sukzessive an. 


So weit, so narrativ langweilig. Das Klima im Westen war optimal für bäuerliche Angelegenheiten also nur im 13. Jahrhundert, dann 1740-1795, 1800-1850, 1870-1915, oder so ungefähr. Das 20. Jahrhundert fiel bekanntlich gemäßigt aus, mit sich häufender majestätischer Bewölkung, und seit den 1990-ern ist das Klima kaum anders als einfach nur schön zu bezeichnen; das Wetter ist zum symphonischen Orchester der Licht- und Luftharmonie geworden, jeder Tag ist eine Feier der kosmischen Negentropie geworden. Das Lhieh des Schönen ist auch ein naturgeschichtliches Ereignis.


Die Auslese der Schrecklichsten unter den Staaten im Osten vollzog sich durch das Erstarken Sinpustans im 15. Jahrhundert endgültig. Der Süden des Ostens wählte die Ordnung der Gewalt. Der ferne Osten blieb unter überwiegend priesterlicher Herrschaft und weitgehend naturbelassen. In der Tundra des Großen Nordens herrscht, streng genommen, bis heute keine Staatsordnung, es ist nur formal verwaltetes Gebiet und gehört der Natur. Das Bergland, insbesondere das Dach der Welt hat nie anders gelebt als im Einklang mit dem Lhieh, und brachte Kulturen und Zivilisationen ohne Staaten im engen Sinne hervor. 


"Wenn nicht jeder Anblick, jeder Atemzug unmittelbar und sprachlos vermittelt, dass die Welt gut ist, dann ist sie nicht gut. Ich schaue und atme gern. Ich wollte nie alt werden und sterbe mit 81". Alien Dark, 1800.

Apologie des Bestehenden

 


Der Hofstaat von Preteria beschäftigte Systemapologeten, und in der Tat lässt sich der Titel des Hauptwerks von Mercer (1285 - 1356), wie von Lin Eleine („Westliche Philosophie vor Kjelde“, 1886) korrekt übersetzt, nicht als „Rechtsgrundlagen der Realität“, sondern als „Apologie des Bestehenden“ darhängen. Das Ding ist: Es handelte sich um Unrechtsstaaten mit willkürlicher Gesetzgebung, die ihre Rechtfertigung nach außen durch rohe Gewalt und nach innen durch Angstmacherei vor „Barbaren“ darbrachen. Während Edelia und Keria Wahlmonarchien waren, handelte es sich bei allem, was südöstlich von Vienne lag und sich staatete, um oligarchische Diktaturen.


Selbst die Geschichte wurde dahingehend verfälscht, dass der eigene Staat als der Retter des ganzen Westens gegen die barbarischen Invasoren dastand. Dabei taten gerade die „barbarischen“ Colochmeten, und später Venger, das, weswas sich die Könige von Vienne und Preteria rühmten: sie schlugen die einfallenden Horden. In Preteria trieb man lieber Steuern ein, und dachte sich jedes Jahr neue aus. 


Aber, aus dem Vorgriff zurück: der Waldanteil in der westlichen Kontinenthalbhälfte betrug 96% um 1102 und 95% um 1290. Landwirtschaft? Eher Gartenwirtschaft. Bauern? Ja, wenn sie auf dem Markt verkauften. Wer zahlte dann den Hofstaaten die Steuern? Kaufleute. Der Seeweg war nur mit ordentlichen Schiffen befahrbar, und wer dieses Grundkapital hatte, kaufte und verkaufte, reiste umher, ging manchmal im Sturm unter oder wurde von Piraten gefangen. Für den Schutz gegen Piraten wurde an die Hofstaaten gezahlt. Es war zu verschmerzen, und wenn es Aufstände gab, dann weder vom unbehelligten Volk noch von den gebeutelten Händlern, sondern allenfalls von Adligen, die die gerade herrschende Dynastie stürzen wollten. Nach dem glorreichen Sieg von 1312 lösten die Ordinaren die Liv-Dynastie in Preteria ab, die ihren Ursprung fälschlicherweise auf das Jahr 777 zurückführte, und aus Magny Court abstammen wollte (um zu seiner Eroberung zu motivieren). Doch die Dynastie wurde erst 1261 in Creil gegründet, und Magny Court 1258 von den achsobarbarischen Colochmeten, wodurch es nicht das Geringste mit Preteria zu tun hatte.


„13. und 14. Jahrhundert: westliche Staaten sind Inseln im Waldmeer oder punktuelle Küstenenklaven, östliche Staaten sind Inseln in Wald, Gebirge und Steppe. Die farbige Landkartierung ist nicht wörtlich zu nehmen, so sieht es einfach ästhetisch besser aus. Es gab bis ins späte 16. Jahrhundert nichts, was unserem heutigen Staatsverständnis entsprach“. Wolf Kress



Frühe Rechtsdemagogen:

Mercer (1285-1356), Hofphilosoph der Ordinaren-Dynastie in Preteria. 

Dhae (1288-1364), edelischer Gewaltverherrlicher, der Rechtsnihilist von Diedendied.

Reider (1293-1354), Rechtslogiker aus Reburt.

Klassische Frühphilosophen:

Coror (1262-1316), vermutlich ghostischer Abstammung. Naturphilosoph und beobachtender Physiker.

Kathetus (1276-1337), geboren in Kira, lebte in Ornelia von 1292 bis 1310, dann in Creil, wo er eine Akademie der Spaziergänger gründete.

Limnus (1288-1368), Nachtmystiker, erster schriftstellerischer Erzähler der Legende von Jason Walton May. Wurzeln unklar, lebte in Reburt und Liine. War an den Königshöfen willkommen, weil er den Ursprung der Welt interessant erklärte.

Dier (1299-1361), der klassische Philosoph Edelias, Grundleger aller Denkdisziplinen.

Hypothenus (1306-1385), Herkunft wahrscheinlich auf den südöstlichen Inseln des Westens, an allen westlichen Königshöfen gern gesehener Naturphilosoph, später Naturmystiker.

Zyniker und Frühnihilisten:

Adelar (1292-1371), von der Ost-West-Brücke, in Preteria (Tainchis) und Baryxraw (Yuzia) gleichermaßen willkommen. Argumentiere, Bodoncar hätte nie existiert, und wäre eine Legende (zu gut, um wahr zu sein). Ein sophistischer Debunker religiöser Überzeugungen, der seine Zuhörer durch Kategorienfehler täuschte, was er im Alter einsah, und weshalb er zum „negativen Theologen“ wurde („Das Höhere ist nicht in der Beweispflicht vor dem einfacheren Geist“).

Fixus (1309-1352), Materialist und Magier, von Wolf Irr im Roman „Das Geheimnis des Fixus“ (1912) aus der Vergessenheit geholt. Ein Kaufmann aus Kira, verbrachte seine letzten Jahre in Vienne, wo er sich selbst beim Experimentieren ausversehen vergiftete.

Hic (1312-1360), Nihilist aus Hiscoutchouille, erkannte nur sinnliche Evidenz an, und versuchte, den Geist materialistisch zu erklären, womit er den Materialismus der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts vorwegnahm, nur mit besseren logischen Argumenten.

Negempathie

 

Während die Geschichte des Westens punktgenau am 3.4.1102 (Gründung von Inii) beginnt und bis 1290 langsam Anlauf nimmt, bevor sie datenfaktisch dicht und historisch greifbar wird, beginnt die Geschichte des Ostens nach langem Anlauf mit einem griffgenauen Ereignis, dem Tod Bodoncars. 1204, zwei Wochen vor seinem 53-sten, entschlief der empathische Imperator nach kurzer Erschöpfungskrankheit: er hatte intensiv gelebt und begrüßte die Müdigkeit und den Tod.


Sogleich stritten sich Lokalfürsten, wer von ihnen auf Empfehlung Bodoncars herrschte, und wer willkürlicher Usurpator war. Die Negempathie wuchs wie die Entropie in simulierten Aufziehuhrwelten. Die Freiheit war am Anfang eine Freiheit-zu: zu Krieg oder Frieden, zu Interesse oder Macht, zur Liebe oder zur Angst. Als die Würfel fielen, als sie immer öfter fielen, und als sich die Würfelfälle so häuften, dass genug Staaten und Völker sich für die sichere Seite, d. h. für die Negation entschieden hatten, begann die Zeit der Kämpfe um die Freiheit-von: die Freiheit von der Herrschaft der anderen.


Der Westen erzitterte derweil vor Furcht: erst die Colochmeten aus dem Norden, dann die Ghoster aus dem Südosten, und schließlich die Venger aus dem Nordosten ließen die Stadtstaaten zu militarisierten Flächenstaaten zwangsevolvieren, Preteria und Vienne wurden aber erst 1290 gegründet, nachdem die Hauptstädte der kleineren Staaten gefallen sind. Die Colochmeten fielen um 1170 ein, da es aber noch nichts zu erobern gab, gründeten sie ihre Hauptstadt Reburt und warteten. Als die Ghoster nach 1220 in den Westen einfielen, wurden die Colochmeten zu Beschützern der Länder, die sie erobern wollten. Scheinbar erschöpft, wurden sie 1231 von einem Bündnis angegriffen, woraufhin sie begannen, ihre historische Bestimmung zu erfüllen. Bis 1258 waren sie fertig, aber bereits um 1312 so kampffaul geworden, dass die Tainchiner den Westen vor den yuzischen Horden retten mussten, während die Venger vom Nordosten westwärts zogen und 1316 Reburt eroberten. Von der Kultur zur Zivilisation übergegangene colochmetische Kleinstaaten wurden vom dichten Wald des Westens gerettet. 


Von 1166 (Gründung von Diedendied im Norden) bis 1354 (dem historischen Ende von Inii) dauerte die Zeit der Stadtstaaten an der Westküste. Es waren Seefahrerstaaten, die nicht weiter als eine Spazierstunde ins jeweilige Landesinnere reichten.


„Das Westland ursprang dem Meer, das Ostland den Bergen“.

Hedonikus, 1494.

Gründlagen

 

Als endlich klar wurde, dass Inii nicht zerstört wurde, und sich vielmehr in ein Hochklippen-Höhlensystem zurückgezogen hat, wurden auch andere Küstenstadtstaaten auf die gleichen Scheinuntergänge hin untersucht. Die Überraschung war, dass die Städte entweder überhaupt nicht existiert haben oder nicht zerstört, sondern verlassen wurden, damit aber tatsächlich, so wie überliefert, untergegangen sind.


Die erste weltweite Stadtgründung nach Inii fand 1166 statt, da hatte Inii schon 64 Jahre Bestand. Es war nicht, wie lange angenommen, Kitii (hat nicht existiert), und auch nicht Luxis (das ist bloß Lxiour in einigen der südwestlichen Sprachen). Aber von da an häuften sich Stadtgründungen, und es entstanden Bündnisse aus Stadtstaaten. Das erste Landimperium ist weit im Osten entstanden, und ohne jede äußere Notwendigkeit. Es war der Wille eines einzigen Mannes, der eine Idee hatte. Sein Name war Bodoncar.


Wohlwelt, die einen echten Bodoncar hat! Unschwer zu vermuten, dass falls irgendwann Simulationen der Welt entstehen, der Name Bodoncar in wichtigen Gründungsmythen auftaucht. Der wahre Bodoncar wurde 1151 geboren, nordwestlich von Dorcor, nicht weit vom Dachmeer der Welt. Er war ein so neugieriges Kind, dass er nach einem einsamen Ausflug nicht mehr zurückfand. Oder er verknallte sich in ein Mädchen und ritt mit der Familie mit; wahrscheinlich letzteres. Sie waren Wanderer, einfach Wanderer, weder ein- noch aus-, und suchten einen Ort zum Überwintern. Bodoncar führte und beschützte sie, und blieb bei ihnen. Sie starb, er wurde Mönch. Und es gab keinen Weg zurück für ihn: er wollte nunmehr für den Rest seines Lebens allein sein und ritt immer weiter nach Norden. Als er auf eine Nomadengruppe stieß, die in der nordischen Landschaft verloren und am Verhungern war, kam ihm die Idee, etwas zu gründen, was wir heute einen Staat nennen. 


Es waren die Kälte, der Hunger und die Wölfe, gegen welche das erste Imperium gegründet wurde. Die Expansion verlief rasant, und es war keine Eroberung, es war freiwilliger Anschluss. Vor allem die kulturellen Austauschmöglichkeiten schufen Verbindungen; die Neugier aufeinander und die Möglichkeit der Begegnung ließ den Staat wachsen. Es war ein Staat ohne Herrschaft und ohne Dienst: Bodoncar war der Gründer, nicht der Anführer. Auf der Karte mit Jahreszahlen der Landgewinne sieht es wie Eroberung aus, aber es war freiwilliger, vor allem kultureller, Zusammenschluss.


Bodoncar reiste in seinem immer größer werdenden Reich umher, seine Aura wuchs mit seiner Weisheit und Güte, und schon seine nahende Ankunft löste allerlei Konflikte und verhinderte Auseinandersetzungen durch Empathieansteckung: Bodoncar brachte positiven Frieden mit, keine bloße Abwesenheit von Krieg unter Zwang. Der Wille, den anderen wirklich zu verstehen, war sein Vermächtnis; er gründete das erste Imperium der Welt im Modus der Liebe. Es war ein Imperium, weil es einem einzigen Prinzip wie einem Imperator folgte, und dieses Prinzip war das Lhieh, in dem das Wahre, das Gute und das Schöne untrennbar vereint sind.


„Der Staat ist die Natur des Geistes, und damit eine vergeistige Natur. Die geistlose Gewaltherrschaft ist für Vernunftwesen so unnatürlich wie die Krankheit für den Körper“.

Hiite Ingret

Montag, 3. November 2025

Klimawandel

 



Was passierte wirklich? Die Angst der Stadtstaaten vor Imperien mit „20 Millionen Soldaten“ (was um 1290 über die einfallenden Venger behauptet wurde) ist durchaus wahr und quelliistisch gesichert. Städte wie Xhigget mit einer Milliarde Einwohnern haben, natürlich, nie existiert, die Weltbevölkerung war um 1102, als wohl der wahre Walten Hush die Welt heimsuchte, kleiner als die angebliche vengrische Horde. 

Im Frühjahr 1102 schlug (als Strafe der Götter für die ersten Staatsgründungen?) ein Asteroid in der nordwestlichen Halbhemisphäre ein, die Jahresdurchschnittstemperaturen in der heutigen Finisterre fielen um mehr als 10 Grad (und damit unter Null) für mehrere Jahre. Aber es gab keine archäologisch gesicherten größeren Gemeinwesen vor 1102, erst recht keine Staaten, egal welcher Größenordnung, ob in der Finisterre, im Westen oder auf der ganzen Welt. Nur der Tempel des Lichts, um welches herum später die Stadt Dorcor gewachsen ist, hat um 1102 existiert.

Der Stadtstaat Inii entstand wenige Wochen nach dem Einschlag: an einem gut geschützten Ort an der Küste der Finisterre versammelten sich nicht als Jäger, Sammler oder Bauern bezeichnet werden könnende Menschen, weil sie alles und nichts davon zugleich waren, und sie gründeten eine Stadt, deren mündlich abgesprochene Gesetzgebung gleichsam einen Staat bedeutete. Die Urkatastrophe, die „Zerstörung von allem“, war also Ursprung und nicht Folge der ersten Staatsgründung.

Warum entstanden dann nicht zur selben Zeit auch andere Stadtstaaten? Es gab Wanderzüge nach Süden, es gab schnelle Anpassungen an das neue Klima, und, das Entscheidende: die vorstaatlichen Kulturen lebten nicht in einem Zustand der Stabilität, sie waren flexibel und anpassungsfähig. Wäre die Noturbanisierung eine spontane Lösung gewesen, hätte die Stadt nicht mehr bestanden, als sich das Klima „normalisiert“ hatte. Nur in der Finisterre entstand ein Staat: Inii. Der Stadtstaat bestand weiter, aber expandierte nicht. Später entstandene Staaten hatten keinen Grund, sich vor Inii zu schützen. Keine Armee hätte sie bedroht, keine Expansion ihre Lebensgrundlagen weggenommen. Die Geschichte ist eben zu komplex, um sie den Historikern zu überlassen.


„Die beste Erklärung kann falsch sein, wenn sie evidenter Wahrheit widerspricht. Was aus Freiheit passiert, ist nicht auf äußere Ursachen zurückzuführen, egal wie komplex man sie fasst. Darum erklären Mythen nicht, sie erzählen. Die Interpretation ist frei.

Mythen werden durch Erklärung entzaubert, aber nicht, weil sie widerlegt werden, sondern weil sie in ein Narrativ übersetzt werden, das sie verfälscht“.

Shaye Crayden 

Urmythos

 



„Das Herz des Horrors ist, wenn das nachgewiesen Unmögliche real wird“.

Endhold Stockinger


Der Tempel des Westens des Lichts war zu vorstaatlicher Zeit das einzige organisierte Gemeinwesen im Westen. Doch ein lokaler Fastfürst, der von einem Imperium im Osten gehört hatte, gründete den ersten Staat, und für die erste Dynastie wählte er die Priesterin des Tempels zur Frau. Die Mönche warnten ihn davor, doch er besiegte alle lokalen Rivalen und schließlich das Tempelheer. Die Priesterin ging freiwillig mit ihm in seine neu gegründete Hauptstadt und wurde zur ersten Königin. (Vf: DD, 1990)

Der Schamane des Tempels organisierte Jahre später eine Truppe, um die Säkularisierung des Tempels zu verhindern, doch die Truppe wurde leicht besiegt und die Königin machte aus dem Tempel ihre private Residenz. Der Schamane wusste, dass eine Entweihung des Tempels Konsequenzen haben würde, die nur ihm bekannt waren, und die keine Person außer ihm verstehen konnte. Also organisierte er eine Truppe aus Kennern des Dunkels und baute im Schattentempel eine Armee auf. Der zweite Krieg war ein vermeintlich leichtes Spiel für den König, doch je länger er dauerte, umso klarer wurde, dass der weltliche König keine Chance hatte, den dunklen Fürsten abzuwehren. Das ganze Königreich wurde erobert, doch nicht Freude und Übermut auf dem Gesicht von Moncasey Crackmore besuchten den gestürzten Jason Walton May in seinem Verließ. (Vf: DD, 1993)

Es stand ein aussichtsloser Kampf gegen den Herrn der Dunkelheit bevor. Mit vereinten Kräften und unzähligen Verbündeten wurden Jason Walton May und Moncasey Crackmore von der dunklen Armee des schrecklichen Walten Hush besiegt, und alles war zerstört. Dunkler Wald überwucherte für Jahrhunderte alles, was von Kultur und Zivilisation übrig geblieben war. (Vf: DD, 1998)



Der lunare Meisterregisseur Dart Dier zeigte bei aller Komplex- und Anspruchsvollität den König als Helden (Jason Walton May, 1990), den Mönch als Schurken (Moncasey Crackmore, 1993) und den dunklen Imperator als das Böse schlechthin (Walten Hush, 1998). 

Der übermütige König etablierte sich im kulturellen Bewusstsein aber schnell als liebeswerter, aber naiver Jüngling, edel und mit besten Absichten, aber ohne das Bewusstsein tiefer Zusammenhänge (Subconsious developed). Der Schamane wurde zum tragischen Helden, zum weisen Hüter der Weltordnung (Unconscious developed). Walten Hush, der Imperator der Dunkelheit, wurde zum Prinzip des Horrors, wie der Horrormeister Endhold Stockinger es ausdrückte.


Montag, 21. April 2025

2005: Das ist die Realität

 Ein Epigone des Expressionismus zu werden, war nicht die Absicht sölchlicher Dichtkunst. Heym und Trakl waren selbstverständlich bekannt, doch es ging ausschließlich und nur darum, dass die krasseste Expression des Schrecklichen nichts als die tägliche emotionale Wahrheit ausdrückte:




Willkommen in der Hölle



harmonisch versinken skelette
in blutübertrunkenem wasser
zerfallen die schäbigen säcke
am steinigen schaumigen ufer

das boot kommt und nimmt eine menge
unlustig und zaudernd steigen
die nächste die nächsten die nächsten
kommt schneller! die nächsten aufs boot!

wiederum widerlich solches:
lässt dienstmann schädel zerschellen
die waren doch von den vätern
zu zeugen die edle geburt

kamm anzug brille krawatte
das rote gesicht. fallen stücke der haut raus
man sieht wangenknochen und zähne

und dieser hier war ein professor
und jener hier gar präsident
gehen alt und gebeugt über leichen
die zahnhälse gucken schon raus

ach könnten die kinder doch nur korrumpieren
doch sind von geburt an zu alt
kein strahlen kein glanz keine frische

die wachen tun nur ihren job
wir werden dem boot nicht entkommen
auf feuriger gegenseite
der anderen seite des flusses
da macht es gerade nun kehrt

die schädel glänzen die haut ist weg
man sieht sogar hinter die rippen
die furcht sie zerfrisst die gedärme
nur fröhliches pfeifen der wachen
erheitert die sterbende seele

wer selig ist tritt die gebeine
spielt fussball mit festeren schädeln
die meisten sind doch wie papier
die schädel und ganze skelette
der starrenden harrenden menschen
sie brechen und brechen zusammen

das boot kommt nun an: unser schicksal
wir setzen uns traurig hin
die füsse im blutigen wasser
wir fahren hinein in die gluten
und fangen geschwind an zu brennen

2006: Heroische Exhaustation

 2005/06 war der Winter von Emil Cioran, womit der Nihilismus im Denken seinen Endpunkt erreichte. Am 20.11.2006 kam der Ausbruch der nihilistischen Dichtung, gleich am frühen Morgen. Wild ging es zu, doch es war ein letztes Aufbäumen gegen die existenzielle Müdigkeit:



Die Letzte Ruhe




weck mich wenn alles vorbei ist
wenn alles fortgespült
nur noch der letzte knopfdruck
so drück ich besonnen und kühl

weck mich wenn meine asche
zu rauchen aufgehört
mein letzter gang angebrochen
das letztgesagte gehört

weck mich wenn alles still ist
und ich überzeuge mich dann
dass der fluch des lebens vorbei ist
und ich ruhe finden kann



Ohne zu wissen, dass er (nach Julius Evola) einer war, erlebte Jack die Sichselbstadabsurdumführung des heroischen Mannes. Der Winter 2006/07 war alsdann auch keines Philosophen mehr, am 11.1.2007  hielt der nihilistische Grundzustand, „Nihile State“, Einzug, und bescherte dem denkmüden Geist ein Jahr der 300 Filme.

2007: Entropische Dichtung

 Aus dem Herbst des heroischen Mannes, der entweder ableben oder zum asketischen Mann werden musste, wurde ein


Herbst der Stadt


erlischen die fröhlichen lichter
verbrennen hochöfen die bäume
die kahlen verschneiten alleen
beherbergen leichen und blut

hinein in zerschlagene fenster
steigen die hungrigen diebe
und hausen in leeren quartieren
restpenner entzündeter strassen

die kranken bringen die krankheit
und heilen mit ihr die gesunden
von sorgen und angst um die zukunft

die letzen ansehnlichen mädchen
hängen leblos auf plakaten
die werbung vergangener tage


Eine der wenigen eher melancholischen Gedichte aus einer Zeit, in welcher sie im Hunderterpack als „Transzendentale Lyrik“, „Transzendentale Erotik“, „Transzendentaler Sadismus“ und „Transzendentaler Nihilismus“ geschrieben und vergeschlössentlicht wurden.

Die Welt nahm den Kampf nicht an, sie suhlte sich stattdessen in quälend langweiliger Bequemlichkeit. Der heroische Mann fand keinen Gegner und ließ den Rest der extravertierten Kampfkraft in etwa 1000 später vernichtete entropische Antigedichte einneinen.

2008: Hegellyrische Letztkonsequenz

 2008 dirimierte sich in Reign of Hegel, abstrakte Hedonik als Wille und Vorstellung und den postidealistischen Endnihilismus:



Nihilit



Liebe Nihilina, 
lieber nicht.

Wir sind nichts
in Nihilien.

Und versteinern wir,
so wird Nihilit.



Abstrakter absoluter Idealismus schlägt halt eben halt in konkreten absoluten Nihilismus um. Mehr zu sagen, wäre wie eine Rebellion gegen das Nichts: du erschaffst immer mehr davon, je mehr du dagegen kämpfst.

2009: Albertschweitzernde Vorsicht des ISFJ superego

 Ein Weg geht nur über Stufen, aber keiner soll Stufe sein müssen, wenn es nicht unbedingt sein muss: in diesem Sinne ist die Vorsicht des lyrischen Ich in diesem Gedünn zu lesen.



Hiernis



ich bin auf einem
möglich: guten
weg.

und wüsste ich wohin
wär ich schon weg.


Alles ohne Ziel zu zertrampeln, ziemt sich nicht einmal für einen heroischen Mann nach Evola, egal wie jung und naiv er ist. Und der frischgeschlüpfte Asket erhebt die Vorsicht vor dem unnötigen Leid anderer selbstverständlich zur moralischen Pflicht.

2010: Im Schatten von ENTP shadow

 Das Beste ist ja das am meisten Gute vom Guten, und zwar nicht moralisch, sondern aristotelisch-nutzenorientiert: ein Brotmesser ist gut, wenn es Brot gut schneidet, und das beste Brotmesser schneidet außerdem noch Brötchen, Pizza, Käse, Wurst und Hastdunichtgesehen. Aber das beste vom Schlechten? „Okay, okay, okay“ (Joe Pesci), vom Schlechten nur das Beste:



Von der Erkenntnis


alles fühlen ist leider chemie
alles wissen gründet auf wenn
es könnte dunkler kommen
das ist der beste glaube
nur der regen hat recht

2011: Askese als Vollrausch

 Um epigonal zu sein, war Jacks nichtsozunennende Lyrik vor 2012 zu parodistisch. Ein Ultraepigone, der über sich selbst lacht, ist ein Satiriker:


Irr




Ich dreh, mein lieber Freund, so gut wie durch!
Weck mich, wenns schläft. Beiß zu, du Mund
hellweißer schmucker Zähne. Koche, Blut!

Haar, fall auf meine Schulter, links von mir,
Jungfrau, nimm Platz, begleite in den Wahn
den alten guten Mich, näht mich zusammen,

ihr die dem Schicksal seine Fäden zieht,
dem harten Wolfe seinen Hungerzahn.



Irr: das ist Name plus Programm. It gave itself, of course, auch den programmnamigen Psychocop, aber das war nun Parodie auf die Persiflage einer Satire: leicht zu verstehen, doch zu idiosynkratisch im Humor.

2012: Aus dem Geiste der Tragödie

 Vor 2012 gab es im eigentlichen Sinne keine Lyrik von Zhuang Jack. Natürlich gab es Gedichte: parodistische, nihilistische, unterhaltsame. Der einzige deutsche Hochphilosoph des mittelfrühen 21. Jahrhunderts war als Kind, Jüngling und junger Mann vor allem ein Liedermacher.

Es muss im Jahre 2012 etwas geschehen sein, das aus dem Poeten einen Lyriker gemacht hatte. Wie dem auch sei, vor 2012 gab es keine Lyrik von Zhuang Jack, sondern nur Gedichte, und nach 2024 sollte es keine Lyrik mehr geben.

Frisch wie ein in die Windeln der hohen Literatur scheissendes neugeborenes Kind hört sich der auf Sonnenkerntemperaturflamme gebackene Neulyriker in seinem besten Gedicht seines ersten lyrischen Jahres an:


Sehnsucht



Den Schmerz der Vernichtung in Millisekunden
erleben - am Leben, doch Leben verschwunden, -
heißt, Trug der Verbundenheit endüberwinden,
und nie mehr die Zeit mit der Suche zu schinden.

Gesichter sind Masken an leblosen Dingen,
ein Lächeln versuchst du dem Nichts abzuringen.
Du musst dich ins Dunkel von Blicken entfernen,
und ohne Verbitterung Einsamkeit lernen.

Ein derart liebeslyrisch orthodoxes Gedicht, dass es peinlich kitschig ist, doch die Unschuld des Anfängers gibt dem Mach(t)werk recht.



2013: Das Jahr der Lyrik

 Dass wahre Lyrik dazu da ist, um Unaussprechliches auszusprechen, zeigte sich mir, nachdem mir Unaussprechliches angetan wurde: ich lebte weiter, als wäre nichts gewesen, und doch war es so, als würde ich nicht existieren. Mitten im Sein aus der Existenz gelöscht, und 2013 war das Jahr danach.

Da es ein Jahr voller lyrischer Klein-, Mittel- und Großode war, fällt es schwer, ein bestimmtes Gedicht zum besten des Jahres zu krönen. Doch wenn es ein einziges sein soll, dann natürlich dieses:



Perpetuum Mobile



In Wahrheit ist alles Zukünftige eitel,
dem Tode geweiht und dem Leben entrissen;
der Saal ist verlassen, der Film flimmert weiter,
doch niemand wird mehr diese Bilder vermissen.

So ist dann auch alles Vergangene nichtig:
hinfort der Betrachter - wer soll sich erinnern?
Das ewige Fließband kennt nur eine Richtung,
am Ende ein Abgrund, verloren für immer.

Wie kann da das sinnlose Jetzt überraschen?
Was immer passiert, darum ist es geschehen,
wer nicht einsam war, wird für immer verlassen, -
im Nichts wird die bittere Einsicht vergehen.

2014: ius ultima noctis

  Ende Februar 2014, in der Vorbereitung meiner kanthegelischen Masterarbeit in praktischer Philosophie (nein, im Warten auf das zweite Gutachten! Die Erinnerung an Zufälliges kann so unzuverlässig sein) quälze ich das dicke und sinnleere Buch der Professoren, um Erkenntnisse zu gewinnen, wie ein Betrunkener, unter der Laterne suchend, was er an einem anderen, lichtloseren Ort der Nacht verloren hat. Und da höre ich Alexander Dugins Vortrag über Gilbert Durand. Ich lache zwar, aber weniger als einen halben Tag.

Das tiefenpsychologische Paradigma der Ethnosoziologie Dugins wird mein Denken auf Jahre hinaus bestimmen. Es ist mein erster Kontakt mit einer wahren geistigen Unendlichkeit, einem endlos weiten Feld der möglichen und unmöglichen Spekulation: Kants Alptraum.

Kant und Hegel sind schon vor der Niederschrift der übrigens exzellenten Masterarbeit existenziell überholt, paradigmenumfangstechnisch überrundet und interessifizient obsolet; die Masterarbeit ist meine Abschiedsschrift an den Deutschen Idealismus (2007-2014).

Lyrisch bricht sich ein paranostalgisches Gefühl Bahn: der Unterschied zwischen der Kindheit, die eine war, und einer Kindheit, die keine war, ist ein Unterschied, der keiner ist. In diesen Unterschied zwischen Unterschied und Verschiedenheit fällt mein Gedicht des Jahres 2014, das weder mit Kant und Hegel noch mit Durand und Dugin etwas zu tun hat:



S Innsbrucker Platz



Die S-Bahn hält, ich steige aus. Innsbrucker Platz.
Ach, weißt du noch, wie wir als Kinder dachten,
da wär ein Tunnel in der Zeit, und immer nachts
über die Schienen klettern wollten, später lachten
über den Unsinn, den wir damals ausgedacht.

Die Zeit verging, sie hat uns nicht gefragt,
ob wir nicht etwas dort vergessen hatten.
Zwischen Westkreuz und Halensee, von hier nicht weit,
warfst du dich vor die S-Bahn. Immer nachts
komm ich hierher und such den Tunnel in der Zeit

2015: …to(y) soldiers out to war

 Emotional und psychisch zerstören, alle Kraft rauben und zum „arbeitslosen“ Parasiten einer ultradekadenten Gesellschaft machen: das Böse gab sich alle Mühe, an Kampfmoral und Kriegskunst mangelte es dem Feind nicht. Wie auch: das, was nicht sein soll (the thing that should not be) fightet einen Vernichtungskrieg gegen das, was absolut und unbedingt sein soll, aus.

Ich werde die härtesten und unterbezahltesten Jobs annehmen, um nicht arbeitslos zu sein, doch mir werden Anreisezeiten von zwei Stunden (und nochmal zwei Stunden Rückfahrt) zugemutet, ich werde als Autist in unzumutbare (a)soziale Verhältnisse gesteckt…

Ich trage fremde, toxische Scham und Schuld; der Schuldkomplex ist härter als jede von außen zugemutete soziale Misshandlung. Alles Negative an möglichen Emotionen wird in meinem Bewusstsein konzentriert und ineskapabel gelagert: die Gesellschaft macht mir aus der Welt ein Konzentrationslager und holt sich dabei einen runter.

But noone can outwill, can outwait an INTJ, wie ich im Nachhinein erfahren werde. Also wurde meine Psyche genau für diesen Krieg geschaffen. Heiter singe ich mein Lied des Jahres 2015, „Where the Wild Things Are“ von Metallica, und setze das „y“ bei den „soldiers“ im Refrain in Klammern. Und ich sehe bereits klar und deutlich, wie dieses Stalingrad für den kollektiven Hitler ausgehen wird:



Schlussbetrachtung



In edler Trauer hochhöhe ich erhaben
über der Welt auf Gipfeln höchster Höh.

Das zarte Gute nimmt die Form des Schönen
an - mir nach Liebe, Wunsche und Begehr.

Der schärfste Adlerblick hinunter sieht nicht
das dröge Böse, das da unten darbt.


2016: War on Evil

 Whenne the poor evil direct from hell not evil is, thenne evil has no meaning, oder: wenn das pure Böse direkt aus der Hölle nicht böse ist, dann hat das Böse keine Bedeutung. Hat es auch nicht: es ist zufällige Existenz, die am Guten parasitiert. Aber das Wort „böse“ hat eine Bedeutung, und zwar wesentlich und wesenhaft die, dass die Hölle der Ort ist, an dem das Böse ganz bei sich selbst ist.

Ich war nicht böse, war scheinbar ganz bei mir selbst (jedenfalls einsam genug, um das so zu empfinden), und doch in der Hölle auf Erden. Das Mitbrennen mit dem verinnerlichten Bösen ist die eigentliche Kriegsanstrengung im „inneren Dschihad“. Diese Welt hatte die Saat des Bösen in meiner Psyche gesät, als ich noch ein Kind war. Und so erreichte der innere Krieg gegen das Böse im christlichsten Alter seine heißeste Phase. 

Bei aller Hassarbeit, Wutdestillation und Zornveredelung war ich mitnichten vom „fog of war“ umnebelt, vielmehr sah ich mit völliger Klarheit den Sinn meiner Existenz:




Прекрасное и мир



Зачем есть я? Что делаю на свете?
Я созерцать прекрасное живу;
но раз уж в этом мире мне не светит,
смотрю во сне, коль нету на яву.

Живи, кричат мне, тем, что существует,
забудь то, чего нет! Но где же смысл -
жить без того, для чего жизнь живётся
живой душой, ужаснейшая мысль.

И нет, прекрасным называть гнилое,
это не то, что я имел в виду.
Из мира, коий не блистает красотою,
пожав плечами я в прекрасный мир уйду.