Freitag, 7. November 2025

Phobokratie und Thanatokratie

 

 

 

„Ich will Liebe, sagt der Phobokrat, und will Herrschaft; Ich will Frieden, sagt der Thanatokrat, und will Kontrolle“. Kiite Aurele.



Die Venger waren in der Wahrnehmung legalistischer Reiche des Westens das, was man heute als Phobokraten bezeichnen würde, doch sie waren nur Theatrokraten, und die Titelinflation ihrer Könige hatte nur die höhere Heiratswürdigkeit nach legalistischem Prinzip zum Ziel. Je höher der Königstitel, umso höher stand der König über seinesgleichen, wenn er sie natürlich militärisch bezwingen konnte: Keren VIII heiratete die begehrenswerteste Prinzessin des Westens nach dem Sieg über die Truppen ihres Landes, aber formal, weil der einzige König mit dem Titel des Imperators war.


Die wahren Phobokraten waren die Ghoster, und die Sin waren sogar Thanatokraten. Wobei die Ghoster wiederum theatralische Phobokraten waren: „Geben mir Prinzessin, sonst musse Angst habe!“ Die Legalisten von Preteria, die die Willkürherrschaft der Oligarchen religiös legitimierten, waren die wahren Phobokraten. Die Stadt wuchs, und in ihr die abhängig beschäftigte Bevölkerung. Sie war konjunkturabhängig, d. h. politisch sehr wetterfühlig, ganz im Gegensatz zur souveränen Landbevölkerung, die sich kaum um idiosynkratische Gesetze und ihre noch idiosynkratischere Begründung kümmerte.


Schon unter der Ordinarenherrschaft zogen schwächere Naturen und Geister vom Land in die Stadt, und im ausgehenden 14. Jahrhundert bestand der Großteil von Preterias Bevölkerung aus Lohnabhängigen, die weltliche Pflichten heilig nahmen, d. h. scheinheilig waren. Ihnen diente die religiöse Begründung der Herrschaft der psychologischen Begründung ihrer Knechtschaft.


Und die Sin? Das waren die, die es in die Priesterschaft von Dorcor nicht geschafft haben. Sehr gut, aber nicht gut genug für Geistliches, waren die Begründer des Sin-Volkes mehr als gut genug für Weltliches. Eine verselbstständigte Kriegerkaste mit existenziellem Ressentiment gegen die Reinheit der Priester. Und sie wollten reinigen, indem sie töteten. Sie wollten beschützen, indem sie vernichteten. Sie waren kein substantielles historisches Subjekt, dafür aber die Helden aller Geschichtsatlanten in den Schulen des 18. und 19. Jahrhunderts.


Was hat die Geschichte bloß mit dem Jahr 1290? Alienne, Vienne und Preteria gegründet, erstes interlesbisches Königtum (in Alienne), Inthronisierung von Adelaid I in Reburt, das er aufgrund alienneferner Lage 1296 zugunsten von Dea als colochmetische Hauptstadt aufgab, und, last and least, die Gründung von Sinpustan unzähligere Mehrometer als behauptet südlich von Dorcor. Die Sin eroberten, siegten, zerstörten, vernichteten, und fütterten die Schulatlanten mit viel Material. Doch die Menschenschläge, die sich ihnen entgegenstellten, waren nach dem Schwert besser aufgehoben als davor. Wer weiß, was die Schlechtesten der Schlechten in den Süden des kontinentalen Ostens verschlug, jedenfalls waren die Menschengruppen in vorstaatlicher Zeit global mobil, und was sich in bestimmten Regionen niederließ, hatte keine genetische, sondern eine lebenshaltungsbedingte Zusammenkunftsursache.


Eine Wasfürokratie hatten dann die Stadtstaaten an der Westküste des Westens, im Südmeer des Westens, und an den großen Flüssen und Strömen, die weder Feiglinge ausbeuteten noch von Eroberungen lebten? Das waren mehr oder weniger oligarchische Republiken, die vom Schutz organisierten Drogenhandels lebten. So würden wir es heute nennen, und der Abstand der Jahrhunderte sollte uns nicht daran hindern. Die Steuereinnahmen wurden durch Rauschmittel und Luxuswaren generiert. Die geistig-moralische Spitze in der Frühzeit des Lhieh des Guten waren Berg- und Burgstaaten mit Subsistenzwirtschaft und heiliger ästhetischer Ordnung: mönchische und interlesbische Kallokratien.